Vorgestern standen die Zeichen auf Sturm. Es zogen dicke, schwarze Wolken auf und nach einigen heftigen Böen herrschte absolute Windstille. Es regnete und das Leuchten entfernter Gewitter kündigte eine Wetteränderung an.

Diese unheimliche Atmosphäre sollte bis heute andauern und der Wind drehte auf Ost-Südost (links sideshore). Wie immer kam er erst gegen Mittag auf und es herrschten die gleichen kabbeligen Bedingungen, nur von der anderen Seite. So langsam hatte ich mich arrangiert aber es fiel mir noch nie so schwer wie hier. Diesmal war Hochsprung angesagt und die Kultivierung der alten Schule mit Boardgrabs, Rotationen, one foots und Kiteloops. So langsam fand ich Gefallen an diesem Spot aber Not macht bekannterweise erfinderisch.


Bei einer Verschnaufpause an Land lernte ich durch Zufall Felix aus Hannover kennen. Er hat gerade einen Kurs gemacht und sich daraufhin sofort einen Kite gekauft. Ich habe die Kiteschüler-Karavane jeden Tag mit der Strömung treiben sehen und in diesen Bedingungen zu schulen oder zu lernen ist eine Herausforderung für sich. Hätte ich hier meine ersten Lenkdrachenversuche unternommen, wäre mir wahrscheinlich die Lust vergangen. Umso mehr war ich von ihm beeindruckt und im Gespräch entstand mit der Zeit eine vertraute Atmosphäre. Wir redeten über dieses und jenes und ich erfuhr von ihm, dass er mit seiner Freundin gerade eine Südost-Asientour in drei Monaten macht. Mui Ne ist dabei ihre letzte Station und sie planen, die nächsten vier Wochen hier zu verbringen, da sie des Reisens überdrüssig seien und er zudem Kitesurfen lernen wolle.

Da wir alle auf einer Wellenlänge lagen haben wir die nächsten vier Abende gemeinsam verbracht. Wir konnten unser Englisch auffrischen, da Marie aus London ist, Felix dort ebenfalls sechs Jahre gearbeitet hat und sie erst nach ihrer Rückkehr nach Deutschland einen Sprachkurs absolvieren wird. Umso besser für uns. Wir hatten eine schöne Zeit miteinander und insbesondere der vorletzte Abend bleibt unvergessen. Nach guter deutscher Hausmannskost haben wir noch Rum gekauft und sind zu uns auf die Terrasse. Marie wollte Kniffel lernen und nach dem ersten Durchgang hat sie gleich zweimal in Folge die Würfel für sich entscheiden lassen. Es war ein feucht-fröhlicher und schöner Abend und erst in den frühen Morgenstunden verabschiedeten wir uns. Wer weiß, vielleicht werden wir sie ja schon im nächsten Jahr wiedersehen – entweder am Steinhuder Meer oder an der Ostsee...
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