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unsere Route ...

„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht,
sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“
Lucius Annaeus Seneca

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Nicos Gedanken zum Ende der Weltreise

Datum: 
6. Februar 2010

„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“
                                                                                                        (Lucius Annaeus Seneca)

Nun ist die Reise tatsächlich schon vorbei und ein Jahr ist vergangen. Ein großer Traum ging damit für uns in Erfüllung. Ich kann nicht sagen, dass es schnell vorbei ging, denn für uns gab es nicht den typischen Alltag und das normale Wochenkarussel von Montag bis Freitag. Jeder Tag war wie Samstag und es lag nur an uns, wie wir unsere Samstagswochen gestalteten. Mit der Zeit verlor ich den tatsächlichen Wochentag und sogar das Datum aus den Augen, wir lebten und reisten einfach in den Tag hinein. Befreit von der Verantwortung, den Zwängen und Verpflichtungen fühlten wir uns unbeschwert und frei. Rastlos und teilweise planlos ließen wir uns um die Welt treiben und hatten dabei nur unsere grobe Reiseroute vor Augen. Das von uns im Vorfeld  gebuchte Weltreiseticket wurde nach unseren Vorstellungen und Wünschen zusammen gestrickt und bildete das Rückgrat unserer langen Reise. Allerdings mussten und konnten wir jederzeit problemlos und kostenlos die Abflugsdaten ändern, sodass es uns den perfekten Rahmen bot. Ein Dank geht an dieser Stelle an Jürgen Schillinger von www.colibri-reiseservice.de, der uns mit Rat und Tat zur Seite stand und unproblematisch diverse Flüge umbuchte. Ein ganz besonderer Dank gilt auch Jan Strüwing (www.sweo.de), der uns die Website nach unseren Gestaltungswünschen relativ kurzfristig erstellte und uns während der Reise bei technischen Problemen behilflich war. 

Aus den geplanten 365 Tagen um die Welt sind dann 349 Tage geworden, die allerdings wunderschön und unser bisher größtes Abenteuer waren.  Zu Beginn unserer Reise in Kuba konnte ich es selber noch nicht fassen und hatte relativ lange das „normale“ Urlaubsgefühl. Dass es jetzt ein Jahr so weiter gehen würde, hatte ich noch nicht realisiert. Ein Weltreisegefühl beschwingt durch die neu gewonnene Freiheit schlich sich unbemerkt nach und nach ein. Aus dem Rucksack zu leben und nur mit dem auszukommen was man dabei hat, war ein unheimlich befreiendes Gefühl. Wieviel und was braucht man eigentlich zum Leben? Die Antwort auf diese Frage gab mir mein Rucksack, denn es passten gerade mal 11kg rein. Die bestanden aus einer Jacke, einer langen und einer kurzen Hose, T-shirts und Hemden, einem paar Schuhe, einem Moskitonetz, Werkzeug (inklusive Essbesteck), ein paar Haken und Nägeln, Schnüren, Stirnlampe und Thermometer. Ich hoffe, dass ich die Reduzierung auf das Wesentliche auch nach unserer Rückkehr beibehalten werde. Das soll natürlich nicht heißen, dass wir ab jetzt nur noch aus dem Rucksack leben wollen, sondern bewusst darüber nachzudenken, was man wirklich braucht.    

Offen auf Menschen zuzugehen fiel uns am Anfang schwer, denn wir waren einfach zu mißtrauisch. Dieses Mißtrauen haben wir erst nach und nach abgelegt und uns am Anfang teilweise selbst die Scheuklappen aufgesetzt. Im Verlauf der Reise lernten wir die Dinge gelassener hinzunehmen und aus unserer gewohnten Denkweise auszubrechen. Ohne Vorurteile auf Menschen zuzugehen, unverkrampft und mit einem Lächeln im Gesicht die Welt mit offenen Augen zu erleben, Vertrauen zu fassen, die überwältigende Schönheit der Natur bewusst wahrzunehmen, sich so viel Zeit zu lassen wie man will und spontan zu handeln, sind nur einige Erkenntnisse unserer Reise. Zumeist getreu dem Motto, morgen ist auch noch ein Tag. 

Bis auf die ersten zwei Wochen in Kuba hatten wir nie eine Unterkunft im voraus gebucht und haben uns immer erst vor Ort darum gekümmert. Manchmal bekamen wir von anderen Reisenden nützliche Tipps oder wir suchten uns kurz vorher ein paar Adressen übers Internet heraus. Meistens überließen wir es dem Zufall und hatten nie Probleme damit. Es gab einige wunderbare, zum größten Teil zufällige Begegnungen auf unserer Reise. Mit Freude und etwas Wehmut blicke ich z.B. auf die Zeit mit Stephan in Chile (Puclaro) zurück, welcher uns ganz selbstverständlich in seinem angemieteten Haus aufnahm. Oder unsere Nachbarn in Kuba, die Dachdecker Torsten und Rene, durch die wir den lebenslustigen Kubaner Oska samt Familie kennenlernen durften. Oder Katrin die Psychologin aus Kuba, Kai der Computerfachmann aus Neuseeland, die Magdeburger Max und Chris, den lustigen Hongkong Chinesen Tsiu Lung aus Neuseeland, die kanadische Hotelmanagerin Christina aus Tonga, den japanischen Surfer Shingo aus Tonga, die russischen Hochzeitsreisenden Egor und Tanja aus Indonesien, unseren vietnamesischen Reiseleiter Ba Son, den Frisörmeister Felix und seine englische Freundin Marie aus Vietnam um nur einige zu nennen.  

Die Kommunikationsmöglichkeiten haben sich in Zeiten des Internet dramatisch verändert. Vor der Reise hatten wir nie einen großen Draht zum world wide web, obwohl das ja nicht gerade eine Erfindung von gestern war. Wir hatten einfach nicht das Bedürfnis, überall und jederzeit online zu sein. Dies hat sich allerdings grundlegend geändert. Ob nun zum guten oder schlechten sei dahin gestellt aber ohne wären einige Dinge schwieriger oder gar nicht machbar gewesen. In jedem auch noch so entlegensten Winkel der Welt gibt es mittlerweile einen Internetanschluss und ein Anruf nach Hause, ein kurzer Blick auf das Bankkonto oder die Pflege unserer Website waren überall möglich. In diesem Sinne haben wir die Globalisierung gelebt, trugen dazu bei und waren ein Teil von ihr. Einerseits wird die Welt dadurch entzaubert, denn man braucht nur mal das große Orakel „Google“ zu befragen, um z.B. Informationen über das vor kurzem noch unbekannte, kleine Fischerdorf im Norden von Chile zu bekommen. Andererseits macht es vieles einfacher und löst den kiloschweren Lexikonstapel als weltumspannendes, jederzeit und von jedem Ort abrufbares Gedächtnis ab. Der Kommunikationswahnsinn hat uns erreicht, Fluch und Segen zugleich, lässt er die Welt zusammenrücken und immer kleiner werden.  

Auf unserer Weltreise stellte ich immer wieder fest, wie privilegiert wir eigentlich sind, uns diese Träume und solch eine Reise überhaupt leisten zu können. Sicherlich haben wir beide hart dafür gearbeitet und jeden Cent auf die hohe Kante gelegt, aber mit diesem Budget könnte man beispielsweise eine asiatische Großfamilie mehrere Jahre versorgen. Im Umkehrschluss kam aber z.B. das Geld auch wieder diesen Menschen zugute, da wir in unserem bescheidenen Rahmen den Tourismus förderten und es dort für Essen, Unterkunft und sonstiges wieder ausgaben. Der aufkeimende Tourismus in einigen Ländern hinterlässt bei mir allerdings auch einen bitteren Beigeschmack. Ursprüngliche Volksstämme mutieren zu Verkaufsmaschinen und das vor fünf Jahren noch abgelegene Bergdorf ist nun ein Freilichtmuseum mit Souvenirständen vor jeder Hütte. Reiseunternehmen karren massenweise Touristen dorthin und es verwundert auch nicht, wenn die Einheimischen denken, dass bei uns das Geld auf den Bäumen wächst. Satellitenschüssel und Fernseher prägen jede noch so wackelige Wellblech- oder Bambushütte und das Handy klingelt sogar bei den Mönchen in der Kutte. Am technischen Fortschritt wollen alle teilhaben und Bedürfnisse werden durch die allgegenwärtige Werbung produziert. In solchen Momenten habe ich das Reisen verflucht, da wir unbewusst zum Verfall ursprünglicher Denkweisen und Strukturen beigetragen haben und uns mit Digitalkamera und Videokamera bestückt manchmal wie Zoobesucher vorkamen.      

Während des Jahres ist uns zum Glück nichts Dramatisches passiert, wenn wir mal von Steffis kopierter Kreditkarte als größtes Ärgernis absehen. Uns wurden in Kuba nur ein paar Schuhe und Klamotten von der Wäscheleine geklaut, was wir aber verschmerzen konnten. Einige Autoreparaturen und der anschließende Verkauf in Neuseeland rissen zwar ein kleines Loch in unser Weltreisebudget, waren aber nicht das Ende. Wir überlebten den Horrorflug nach Tonga, ein Erdbeben in Indonesien, nächtlichen Besuch von Ratten in der Strandhütte auf Tonga und auch die kosmopolitischen Bettwanzen aus Laos konnten unseren Entdeckerdrang nicht stoppen. Erst die gesundheitliche Verfassung Steffis ließ uns früher zurück kehren als geplant.   

Einmal um die Welt zu Kiten war ebenfalls ein großer Traum, den ich mir mit der Reise erfüllt habe. Es war nicht immer einfach aber wir fanden einen Kompromiss zwischen Reisen und Wassersport. Steffi machte als  Starthelfer eine gute Figur und nach anfänglichen Schwierigkeiten in Kuba spielten wir uns ein. Da wir beide Fischköppe sind und das Meer lieben, reisten wir zum größten Teil entlang der Küste und ich konnte meiner Leidenschaft freien Lauf lassen. Die Kitereise führte mich zum Teil an einsame Spots und das in die Jahre gekommene Material benötigte nicht nur einmal Streicheleinheiten. Ein unschätzbarer Vorteil war auch das sogenannte Piececoncept unseres Weltreisetickets. Da wir Richtung Westen gestartet sind, konnte jeder von uns zwei Gepäckstücke mit jeweils 23 kg mitnehmen und somit war der Transport meines als Golfgepäck getarnten Kitematerials kein Problem. Sportlich gesehen war neben dem Bungy Sprung in Neuseeland der Fallschirmsprung in Australien eine der außergewöhnlichsten Erfahrungen und meine bisher größte Grenzüberschreitung.  

Eine große Herausforderung war sicherlich das Reisen als Paar. Wir waren zu dem Zeitpunkt schon über vier Jahre zusammen aber würde es auch funktionieren, wenn man sich jeden Tag 24 Stunden ein Jahr lang sieht? Es hat funktioniert und wir haben uns beide bis auf normale Meinungsverschiedenheiten besser verstehen gelernt, sind durch dick und dünn gegangen und nun steuern wir auf die nächste große Herausforderung zu, dem Wiedereinstieg in den Alltag. 

Jetzt zu der nach unserer Rückkehr am häufigsten gestellten Frage: Wo war es am schönsten? Das ist schwierig zu beantworten und ich kann mich nicht eindeutig festlegen. Jedes Land hat seine Reize, Vorzüge und natürlich auch Schattenseiten. Am liebsten würde ich mir mein eigenes Weltreiseland zusammen setzen und die Bausteine dafür wären:

1.die kubanische Musik und die lebensfrohe, ehrliche Freundlichkeit der Menschen mit dem besten Rum der Welt

2.die magische Atmosphäre der Osterinesel mit der stummen Erhabenheit einer allgegenwärtigen, untergegangenen Kultur

3.das chilenische Steak, die absolute Windsicherheit am Stausee von Puclaro, die unglaubliche Ruhe und Artenvielfalt einer Wüstenlandschaft

4.die Freiheit, die Hilfsbereitschaft und die verzaubernde, wahnsinnig abwechslungsreiche Landschaft Neuseelands

5.die tonganische, schon fast stoische Gelassenheit der Inselbewohner

6.die Weite, die ungezähmte Natur und die unglaubliche Schönheit der Strände an der australischen Westküste

7.das pulsierende, urbane aber auch künstliche Leben zwischen den hohen Wolkenkratzern Hong Kongs

8.die ruhige, religiöse Verbundenheit der Indonesier und die fantastische Landschaft mit den kunstvoll angelegten Reisterrassen

9.die pünktlichen und fleißigen Menschen Vietnam´s die trotz augenscheinlichen Chaos den Überblick bewahren

10.die kambodschanische Leichtigkeit im Umgang mit der Vergangenheit, dabei immer den Blick nach vorne zu richten und nicht zurück zu schauen, das geschichtsträchtige Erbe der Khmer mit den fantastischen Tempelanlagen von Angkor

11.die thailändischen Energydrinks, die Vielfalt des Landes, das umwerfende Essen und das unglaublich einfache Reisen als Rucksacktourist

12.die Ruhe, absolute Entspanntheit und die schon fast unterwürfige Freundlichkeit der Laoten     

Zudem kann ich jedem Land auch noch einen Geruch zuordnen, den ich aber auf Anhieb nicht dingfest machen kann. Dazu müsste ich wieder dort sein und nichts würde ich lieber tun als das. Die erwartete, große Erkenntnis wurde durch viele kleine ersetzt und ich lernte die einfachen Dinge im Leben zu schätzen.

 

reiseberichtvorschaubild: 
angekommen (?)

Ihr Lieben!
Auch wenn das eine oder andere vielleicht etwas anders erlebt oder wahrgenommen habe - ich kann jeden Absatz, jede Zeile, jedes Wort nachvollziehen was Du hier in Deinen "Gedanken" geschrieben hast ...
Viele - wahrscheinlich alle - von den daheimgebliebenen werden das nie so erleben und verstehen was Ihr "ERFAHREN" habt. Trotzdem ist es toll und etwas ganz besonderes.
Wir sind ja schon seit Sept wieder zu Hause und sind auch sehr gut angekommen zurück im echten Leben. Freunde, Familie, Wohnung, Arbeit, ... Alltag, aber um eine ganz grosse, vielseitige, besondere, aussergewöhnliche, ..., einjährige Erfahrung bereichert die uns keiner nehmen kann und die uns (im besten Fall) sogar den Rest unseres Lebens verbindet.
Unterm Strich bleibt zu sagen: es war toll, jeden Cent wert und - DAS LEBEN IST SCHÖN!
Alles Liebe Euch beiden hier aus dem verschneiten Wien

j+k

Posted by Johannes (nicht überprüft) on 11. Februar 2010 - 23:49